Theater Wolfsburg
Dr. Volkmar Köhler
(Parl. Staatssekretär a. D.)

1954

Erste Pläne zum Bau eines Theaters für die Stadt Wolfsburg entstehen.

1965

Der bekannte Architekt Hans Scharoun gewinnt den von der Stadt aus­ge­schriebenen Theaterbau-Wettbewerb.

1968

Zur Realisierung des Theaterbaus startet eine Lotterie. Schon am Eröffnungsabend werden 30.000 Lose verkauft. Dies ver­deutlicht ein­drucks­voll den Willen der Wolfsburger Bürger, in ihrer Stadt ein Theater zu errichten.

1969

Am 8. September führt Ober­bürger­meister Hugo Bork am Klieversberg den ersten Spatenstich für den Theaterbau aus.

1970/71

Der Bau gerät ins Stocken. Die Finan­zierung des aufwendigen Entwurfs ist ungeklärt. Schließlich werden ein geplantes Theater­café und eine Frei­licht­bühne am Hang nicht realisiert.

Geschichte

Niederschrift der Laudatio von Dr. Volkmar Köhler anlässlich des Festaktes zum 35jährigen Bestehen des Wolfsburger Theaters (2008)

Am 5. Oktober 1973 wurde unser Theater mit einem Festakt und der Aufführung von Ibsens „Nora“ in der Inszenierung von Hans Neuenfels, begleitet von kleineren Demonstrationen und einer Bombendrohung, festlich eingeweiht.

Scharouns Theaterbau öffnete sich in den anschließenden Wochen mit einer wohldurchdachten Kette von Auftaktveranstaltungen allen kulturell interessierten Gruppen der Wolfsburger Bürger. Damit gewann nicht nur das Wolfsburger Theaterleben eine neue Dimension und unsere Stadt ein einmaliges Stück Architektur, sondern die Identität Wolfsburgs als Stadt erreichte eine seit Jahren gewünschte höhere Stufe.

Schon lange hatte man empfunden, dass eine Stadt mehr ist als die Summe von Einrichtungen, die der zivilisatorischen Lebensqualität dienen. Eine 1967 veröffentlichte Studie eines Göttinger Soziologenteams hatte ergeben, dass bei der Frage nach den Vor- und Nachteilen ihrer Stadt 23 Prozent der Wolfsburger ein Theatergebäude vermissten. Fehlende Freizeitmöglichkeiten bemängelten 14 Prozent. Erst wesentlich danach rangierten z.B. unzureichende Verkehrsverbindungen. Der große öffentliche Erfolg einer Lotterie für den Theaterbau stützte 1968 solche Umfrageergebnisse.

Der Rat unserer Stadt stand auf sicherem Boden, als er am 12. Februar 1965 die Ausschreibung des Theaterbau-Wettbewerbs beschloss und damit die Realisierung des Projektes einleitete. Gewiss war in der wechselnden Entwicklung der folgenden acht Jahre das Engagement für den Theaterbau sehr unterschiedlich ausgeprägt. Einer überparteilichen Theaterlobby standen im Rat Skeptiker und auch Gegner gegenüber. Bis in die letzten Bauphasen tauchten immer wieder Gründe auf, die am Gelingen zweifeln ließen.

Vom Frühjahr 1970 bis März 1971 musste der Bau wegen der damaligen Kostenentwicklung und der verschlechterten Wirtschaftslage stillgelegt werden. Es bedurfte beträchtlicher Entschlusskraft, um günstigere Auspizien 1971 schnell für den Beschluss zum Weiterbau zu nutzen. Dabei drängte die Zeit, denn Scharoun war schon alt, und begrenzt war die Spanne, in der sein Entwurf authentisch bis ins Detail nach seinen Vorgaben verwirklicht werden konnte. Während der gesamten Bauzeit waren aber immer wieder Detailentscheidungen von großer Bedeutung nötig.

Scharouns preisgekrönter Entwurf war schlichtweg zu groß und zu teuer ausgefallen. In vielen Einzelberatungen musste er auf unsere realen Möglichkeiten zurechtgeschnitten werden. Die vielen Treffen und Beratungen mit Scharoun in dieser Zeit gehören zu meinen kostbarsten Erinnerungen. Nie wieder habe ich einen Baumeister mit solcher Raumphantasie erlebt. Dem Sparzwang fielen Accessoires zum Opfer, die man nicht ganz vergessen sollte, so das vorgelagerte Theatercafe und die Freilichtbühne am Berghang, ein wichtiges Bindeglied zwischen der Natur und dem Bauwerk, das feinfühlig die natürliche Form des Hügels nachzeichnet. Die Fernsicht vom Rathausplatz auf Theater und Klieversberg, von Scharoun sorgfältig berechnet, ist leider heute nicht mehr nachzuvollziehen.

Eine angemessene Verkleidung des Baukörpers war nur durch großzügige Hilfe möglich. Freilich wäre unser Theater nicht der einzige Scharoun-Bau gewesen, der lange Jahre ohne Außenhaut geblieben wäre. Für die Gestaltung des großen Fensters, das sich oberhalb des Foyers im Zuschauerhaus erhebt, nach Alexander Camaros Entwurf, fehlte das Geld. Es gelang mit etwas List, Scharoun zur Umsetzung eines eigenen Entwurfes zu überreden. Debatten löste die Absicht aus, das Parkett durch einen breiten Mittelgang zu teilen. Schließlich setzten sich diejenigen durch, welche die Schauspieler nicht in ein dunkles Loch sprechen lassen wollten. Natürlich sind Sitze in einem Theater ganz wichtig, vor allem wenn sie auch noch ein neuartiges Lüftungs- und Heizungssystem aufnehmen sollen. Der Kulturausschuß des Rates traf seine Entscheidung nach einer mehrstündigen Arbeitssitzung in Berlin auf diesen Sitzen, die sich nun 35 Jahre lang bewährt haben. Vieles war in diesen acht Jahren strittig, musste ausdiskutiert und entschieden werden.

Am Tag der Eröffnung freilich hatte das Theater nur noch Freunde. Es war in Wolfsburg akzeptiert und dieses offensichtlich auf Dauer. Ein schöneres Ergebnis können Entscheidungen politischer Beschlussgremien nicht zeigen.

War der Bau des Theaters nur möglich durch den Willen der Menschen in Wolfsburg, so gilt das noch mehr für das Theaterleben. Sieht man von Vorläufern in der Kriegs- und Nachkriegszeit ab, so beginnt es, als der Kulturring Wolfsburg mit Oberstadtdirektor Dr. Hesse als 1. Vorsitzenden am 22. März 1954 gegründet wurde. Vier Jahre später gab es 969 Abonnenten und 1960 fast doppelt so viele. Dr. Hesse hat den Auftakt des Theaterbaus nicht mehr in Wolfsburg erlebt.

Dabei gehen frühe Überlegungen dazu schon auf diese Zeit zurück. Im Jahre 1954 kam es zu ersten Planvorstellungen für den Bau eines Theaters. Es sollte dort stehen, wo sich heute das Kunstmuseum erhebt. Im Zuge dieser Erwägungen bildete das Volkswagenwerk eine Rückstellung von 4 Millionen DM. Diese Summe, ergänzt durch Aufwendungen im Interesse von Nutzungsmöglichkeiten des Theaters durch das Werk und nochmals aufgestockt in wirtschaftlich schwieriger Situation 1970 (was die Stadtverwaltung kaum für möglich hielt), ist später in die Finanzierung des Scharoun-Baus eingeflossen.

Als der Rat der Stadt am 27. Juni 1969 mit 26 Ja-Stimmen bei lediglich vier Enthaltungen den Baubeschluss fasste, tat er es auf der sicheren Grundlage einer aufgeschlossenen und dauerhaften Förderung durch das Werk, dessen Vertreter im Kulturring stets eine führende Rolle gespielt haben. Dieses Verhältnis fand seine vertragliche Festlegung 1973 in der Gründung der Theater der Stadt Wolfsburg GmbH durch die beiden Gesellschafter Stadt und Werk. Am Anfang der Kette von Förderern des Theaters durch die Volkswagen AG stehen die Namen von Heinrich Nordhoff, Frank Novotny und Horst Backsmann.

1954 beginnt aber auch die Kette der Glücksfälle in der Leitung des Kulturringes, der heute Theaterring heißt, und des Theaters. August Wilhelm Lukaschik folgte Ende 1957 Paul-Albrecht Schmücking. Mit dem früheren Braunschweiger Generalintendanten Herrmann Kühn, der mehrere Jahre die Last der Verantwortung in Braunschweig und in Wolfsburg trug, begann 1963 nicht nur die Fortsetzung des erfolgreichen Aufstiegs, sondern eine große Zeit künstlerischer Intensivierung, die mit der Einweihung des neuen Hauses gekrönt wurde. Mit einer unvergesslichen Gastspiel-Aufführung von Gershwins „Porgy und Bess“ verabschiedete sich dieser große Theatermann von seinem Publikum.

Volker von Collande und Günther Pentzoldt entwickelten das von ihm gelegte Fundament bruchlos weiter. 17 Jahre lang stand die Leistung von Hans Thoenies dafür, dass sich mit dem Wolfsburger Theater eine kontinuierliche Erfolgsgeschichte verbindet. Von welchem Theater unseres Landes lässt sich das in gleicher Weise sagen?

Die Konzeption dieses Theaters hat sich als tragfähig und richtig erwiesen, auch wenn sich die deutsche Theaterlandschaft und das Theaterleben erheblich gewandelt haben. Von Anfang an stand fest, dass wir nicht den Weg traditionsreicher Nachbartheater mit stehenden Ensembles gehen sollten. Es ging darum, am Sitz eines Weltkonzerns auf hohem Niveau die künstlerische Reichhaltigkeit des deutschsprachigen Theaterlebens voll zu entfalten. Die Vielseitigkeit des Angebotes und die gewünschte Qualität konnten bei vertretbaren Kosten nur mit der Struktur des Bespieltheaters gewährleistet werden. Zugleich wurde Wolfsburg damit ein geschätzter Partner anderer Bühnen. Bei vergleichweise mäßigen Subventionen und ungewöhnlich guter Auslastung ist dieses Theater allemal sein Geld wert und weit davon entfernt, ein Mühlstein am Halse der Stadt zu sein. So hat es denn auch kaum einmal eine öffentliche Debatte über die städtischen Subventionen gegeben. Vielmehr ist das Theater ein wichtiger Teil der Ausstrahlung Wolfsburgs in das Umland und könnte wahrscheinlich noch eine größere Rolle in der Entwicklung des Images unserer Stadt spielen. Nach wie vor ist es zugleich Erfolg und Chance, auch wenn die veränderte Struktur unserer Stadt neue Wege der Erschließung des Besucherpotentials nötig machen sollte.

Der Theaterbau von 1973 hat einen Quantensprung in den Möglichkeiten des Spielplanes gebracht, den nur der ermessen kann, der die vorherigen Provisorien noch in Erinnerung hat. Vor allem dem Musiktheater – und das heißt auch dem Musical und der Show – , dem Ballett als einem Kernstück der Wolfsburger Spielpläne und dem über alle Jahre heiß begehrten Konzertleben hat dieses genützt. Wer die Namen der Klangkörper, der Ensembles und der großen Darstellerinnen und Darsteller Revue passieren lässt, die hier aufgetreten sind, liest in der großen Theatergeschichte der vergangenen Jahrzehnte und der Gegenwart.

Scharouns Bau ist auch nach 40 Jahren noch frisch und jung wie am ersten Tag. Die Entscheidung für ihn unter großen Mitbewerbern war richtig. Immerhin hatten auch Spengelin, Taeschner/Gerdes, Alvar Aalto und Jörn Utzon sich am Wettbewerb beteiligt. Wer das Drama der Errichtung von Utzons Opernhaus in Sidney kennt, weiß etwas davon, wie eng Chance und Risiko bei solchen Projekten zusammenwohnen.

40 Jahre lang ist nun in diesem Hause geschehen, was Aufgabe des Theaters ist: Freude und Besinnung, Unterhaltung und Sammlung, Zerstreuung, Aufrüttelung und Erhebung, Spaß und Nachdenklichkeit bis zum Erschrecken, die Auseinandersetzung mit unserer gesellschaftlichen Situation und ihren Voraussetzungen und Bedingungen.

So hatte es der Rat 1965 in seiner Debatte gewollt. So hat auch Scharoun seine Arbeit verstanden: „Städtebau ist mehr als nur Wirtschaftsbau oder Lebensbau. Stadt ist das Abbild der geistigen Existenz und Inbild der von übergeordneten Kräften gespeisten Wesenheit des Menschen. So mag das Bewusstsein um die Bedeutung der Struktur in Raum und Zeit für den Städtebau der Zukunft übergeordnet und ordnend helfen, zur Sinngebung auch der Großstadt führen.“(1957) Für dieses alles steht unser Theater.

Karteninfo

Der Online-Kartenverkauf für die Spielzeit 2017/2018 startet am 01. September 2017!
Richten Sie Ihre Kartenwünsche bitte an karten@theater.wolfsburg.de oder telefonisch an 05361 2673-38.